VERBORGENE FRONT · BAND 1 · KAPITEL 1
Das andere Ufer
Kapitel 1
Vientiane, Rollfeld von Wattay. Samstag, 6. Oktober 1962, kurz nach sechs Uhr.
Die Regenzeit ging ihrem Ende zu, aber über dem Mekong hing noch die graue Decke der letzten Wochen, und auf dem Vorfeld stand die C-46 nach Udorn mit offener Ladeluke im Dunst. Sie trug kein Hoheitszeichen.
Hollis Garrity zählte die Männer in der Schlange. Dreiundzwanzig Amerikaner in Zivil, Seesäcke zu ihren Füßen, die Gesichter von Leuten, die einen Abschied zu lange geprobt hatten. Ein Sergeant hatte sich den Rest seines laotischen Geldes in die Schuhe geschoben, ein Bündel Kipscheine, weil ihm niemand hatte sagen können, ob man es ausführen durfte, und trat von einem Fuß auf den anderen wie einer, der auf einer Münzsammlung steht. Am Klapptisch vor der Gangway saß ein indischer Major der Kontrollkommission, schmal, die Uniform makellos, und neben ihm ein Kanadier mit Notizbuch und ein Pole ohne. Zusammen bildeten sie die Kommission, deren Auftrag das Genfer Abkommen vom Sommer erneuert hatte. Bis zum nächsten Tag sollten alle fremden Soldaten und Militärberater Laos verlassen haben, Amerikaner wie Nordvietnamesen. Heute flogen die letzten Amerikaner ab, und die drei sollten es bezeugen.
Hinter Garrity stand Oberstleutnant Dunne, der letzte Wachhabende der Mission, und hielt die amerikanische Abschrift der Liste vor der Brust wie ein Gesangbuch. Sie hatten diese Liste in der vergangenen Woche viermal neu geschrieben. Jedes Mal war ein Name hinzugekommen oder weggefallen, ein Mann mit Urlaubsschein, ein anderer mit Malaria, und jedes Mal hatte die Kommission die neue Fassung entgegengenommen, mit der Höflichkeit eines Gerichtsvollziehers, der weiß, dass er am Ende doch pfänden wird.
„Name?“
„Garrity, Hollis J.“
„Dienststelle?“
„MAAG Laos.“
Der Major setzte einen Haken, ohne aufzublicken. Hinter der Abkürzung stand eine Militärmission, die es nach dem Genfer Beraterverbot von 1954 nie hätte geben dürfen, erst unter anderem Namen, dann unter diesem, und an diesem Morgen wurde sie Stück für Stück abgewickelt. Garrity hatte so etwas schon einmal unterschrieben, im Sommer 1941, als er die Armee verließ, um in China für Chennaults Freiwilligenstaffel zu fliegen, die später Flying Tigers hieß: ein Papier, das ihn aus den Büchern seines Landes strich. Damals hatte man es Abenteuer genannt. Das Verfahren war dasselbe geblieben: Man verschwand ordnungsgemäß.
Hundert Meter weiter, am Rand des Vorfelds, hatte man Nordvietnamesen in grauen Hemden aufgestellt, frisch gekämmt, Pappkoffer in den Händen. Vierzig, hatte der Kanadier gestern gesagt. Die Kommission hatte sie gezählt, das Protokoll verlangte es, und damit hatte Hanoi gemäß Genf seine Truppen aus Laos abgezogen.
Garrity kannte die andere Zahl: siebeneinhalbtausend, so lautete die Schätzung in dem Bericht, an dem er selbst mitgeschrieben hatte. Beide Zahlen waren wahr, und nur eine von ihnen würde aktenkundig werden.
Er wusste, wie die Kommission zu ihrer Zahl gekommen war. Sie war ihr zugetragen worden, Mann für Mann, von Offizieren, die ihrerseits wussten, was auf dem Spiel stand. Der Vertrag verlangte Zeugen des Abzugs, nicht des Bleibens, und wer in diesem Land etwas beweisen wollte, musste sich an dessen Ränder stellen, an Rollfelder, Fähren und Grenzbalken, wo die Menschen nacheinander an einem Tisch vorbeigingen und jemand ihre Namen verlas. Alles andere, die Straßen im Osten, die Täler hinter der Ebene der Tonkrüge, die Dörfer, in denen Männer in Zivil Reis aßen und Befehle empfingen, lag außerhalb der Papiere.
„Vierundzwanzig Namen“, sagte der Major und hob die Liste ein Stück an. „Ich zähle dreiundzwanzig Männer, Mister Garrity.“
Garrity drehte sich nicht um. Er musste den fehlenden Namen nicht suchen: Dwight Pruitt, der Zahlmeister, den man gestern Abend zuletzt am Mekongufer gesehen hatte, mit einem Koffer, der nicht ihm gehörte.
Der Fahrer hatte es ihm um drei Uhr nachts gesagt, auf der Veranda vor Garritys Haus in Silver City, der Amerikanersiedlung am Stadtrand, die Mütze in beiden Händen. Er hatte Mister Dwight um acht Uhr abends an der Uferstraße abgesetzt, hinter dem Wat, dem Tempel, wo die Fischer ihre Boote an den Pfählen vertäuten. Mister Dwight habe nicht gesagt, wohin er wolle, nur dass der Wagen nicht warten müsse. Und der Koffer? Es war der schwere braune Koffer mit den Eisenecken, der seit Jahren unter dem Wandregal der Zahlstelle gestanden hatte und von dem jeder in der Mission wusste, dass er nicht Pruitt gehörte, sondern der Regierung der Vereinigten Staaten. Mister Dwight habe ihn in beiden Armen getragen, nicht an der Hand. So, sagte der Fahrer, trage man ein Kind, das eingeschlafen ist.
Garrity hatte bis fünf Uhr morgens gesucht. Er war durch die Straßen hinter dem Markt gefahren, durch die Gasse mit den Wechselstuben, die um diese Zeit mit Eisengittern verschlossen waren, bis zum Haus im That-Dam-Viertel, das dunkel lag. Die Hausangestellte hatte hinter einem Fensterladen gestanden, er hatte den Schatten gesehen, aber sie hatte nicht geöffnet. Mehr als durch die Scheiben zu schauen hatte er sich um diese Stunde nicht getraut. Ein Amerikaner, der in der Nacht vor der Frist an fremden Türen rüttelte, war ein Gerücht, das sich von selbst verbreitete.
„Er bleibt“, sagte Garrity.
Der Major hob den Kopf. Zum ersten Mal an diesem Morgen sah er Garrity an, nicht seine Papiere. „Wer bleibt?“
„Pruitt. Dwight Pruitt. Er reist nicht ab, weil er nicht abreisen muss. Er wechselt zur Hilfsmission, zur Buchhaltung der Schulbauprogramme. Die Papiere sind unterwegs.“
Es war erstaunlich, wie leicht ein Satz fiel, den man in der Sekunde davor noch nicht gekannt hatte.
„Das Protokoll“, sagte der Major, „erfasst auch Zivilisten, die mit Beschaffung und Lagerung von Kriegsmaterial befasst sind.“
„Ein Mann, der Rechnungen für Schulbänke abzeichnet.“
„Dann wird mir die Botschaft ein Schreiben senden, in dem das steht.“ Der Major schrieb etwas an den Rand der Liste, sorgfältig, mit der Schulschrift eines Mannes, der noch an Formulare glaubte. „Mit Stempel.“
„Bis wann?“
„Die Kommission ist nicht ungeduldig.“ Er sah zu dem Kanadier hinüber, der den Kopf neigte. „Montag, zwölf Uhr.“
Der Kanadier schrieb die Uhrzeit in sein Notizbuch und unterstrich sie. Der Pole schrieb nichts. Er hatte die Hände auf dem Tisch gefaltet, und sein Blick wanderte von der Liste zu Garritys Gesicht und zurück zu der Stelle am Rand, an der der Major geschrieben hatte. Die Amerikaner nannten ihn Crow, weil sein Name in seiner Sprache eine Krähe bedeutete, und weil er, wie eine Krähe, nie etwas zu wollen schien, ehe es auf dem Boden lag.
Garrity bedankte sich. Er hörte selbst, wie höflich es klang.
Auf der Gangway packte ihn Dunne am Ärmel. „Wo, zum Teufel, ist Pruitt?“
„Ich erkläre es in Udorn.“
„Ich habe ihn in die Liste geschrieben. Mit meinem Namen darunter.“
„Dann steht dein Name unter einer Wahrheit, die noch nicht eingetroffen ist.“ Garrity nahm die Hand des Oberstleutnants von seinem Ärmel, vorsichtig, als hielte er etwas, das man zurückgeben müsse. „Montag, zwölf Uhr, Dunne. Dann ist sie da.“
Er ging die Gangway hinauf, durch den Geruch von Benzin und nassem Segeltuch, und setzte sich auf den letzten Platz an einem Fenster, das Kratzer hatte und eine Landschaft aus Dunst zeigte. Die Männer verstauten ihre Seesäcke. Jemand lachte zu laut. Neben ihm blieb ein Platz leer, als wäre er für jemanden reserviert, der noch kommen konnte.
Als die Maschine rollte, sah er die Ufermauer, die Fischerboote, die Fähre, die um diese Zeit noch nicht fuhr. Der Mekong führte noch das Wasser der Regenzeit, braun und breit und völlig unbeeindruckt von den Dokumenten, die man an seinen Ufern unterschrieb. Irgendwo dort unten, zwischen den Pfählen und den schlafenden Hütten, lag oder stand oder saß ein Mann mit einem Koffer, den niemand zählte.
Er suchte die vierzig Männer mit den Pappkoffern. Aber der Dunst hatte sie schon verschluckt, und mit ihnen die übrigen, die niemand gezählt hatte.