VERBORGENE FRONT · BAND 2 · KAPITEL 1
Der Preis eines Wortes
Die Bände folgen einer zeitlichen Reihenfolge. Einstieg: »Das andere Ufer« (Band 1).
Kapitel 1
Saigon. Dienstag, 11. Juni 1963.
Das Telefon klingelte um halb sieben, und Marguerite Vernier ließ es viermal klingeln, bevor sie abnahm. Sie hatte bis zwei Uhr nachts an einer Meldung über die Verhandlungen zwischen der Regierung und den Buddhisten gesessen, die nirgendwohin führten, und sie wusste, wer anrief. Niemand sonst in Saigon rief um diese Zeit an.
„Madame“, sagte Lộc. „Die Mönche sagen, heute Morgen geschieht etwas Wichtiges.“
„Das sagen sie seit vier Wochen.“
„Diesmal haben sie mich angerufen. Nicht das Büro. Mich.“ Er machte eine Pause, in der sie das Rauschen der Leitung hörte und hinter ihm eine Frauenstimme, die einem Kind etwas sagte. „Die Kreuzung Phan Đình Phùng und Lê Văn Duyệt. Vor der kambodschanischen Vertretung. Gegen zehn.“
„Eine Prozession.“
„Vielleicht.“
„Gehen Sie hin“, sagte sie. „Rufen Sie an, wenn es mehr ist als eine Prozession. Ich schreibe die Meldung von gestern zu Ende.“
Sie legte auf und blieb noch eine Weile auf dem Bettrand sitzen. Durch die Läden fiel ein graues, schon warmes Licht, und unten auf der Rue Pasteur begannen die Fahrradrikschas zu klingeln. Sie war im Januar aus Vientiane gekommen, weil die Geschichte, die sie interessierte, nicht mehr in Laos stattfand, und sie hatte in fünf Monaten gelernt, dass Saigon eine Stadt war, in der jeden Tag etwas Wichtiges angekündigt wurde. Meistens geschah es nicht. Wenn es geschah, kam es an einem anderen Ort und zu einer anderen Stunde, und die Ankündigung hatte nur dazu gedient, die Polizei an die falsche Kreuzung zu schicken.
Sie duschte, zog sich an und setzte sich an die Schreibmaschine. Die Meldung von gestern handelte von einem Kommuniqué, das niemand unterschrieben hatte. Sie brauchte eine Stunde für drei Absätze.
* * *
Um zehn nach zehn rief das Büro an. Es war Morel, der junge Franzose, der die Fernschreiber bediente und gelegentlich eine Meldung schrieb, wenn niemand anders da war.
„Ein Mönch hat sich verbrannt“, sagte er. „An der Kreuzung bei der kambodschanischen Vertretung. Lộc ist dort. Er hat von einer Apotheke aus angerufen. Er sagt, Sie sollen kommen, aber es sei vorbei.“
Sie nahm ein Taxi, einen kleinen blau-gelben Renault, dessen Fahrer die Kreuzung kannte und nicht hinfahren wollte. Zwei Straßen vorher hielt er an, wies mit dem Kinn nach vorn und nahm das Geld, ohne zu zählen. Sie ging den Rest zu Fuß. Die Straße war voller Menschen, die nicht wussten, ob sie bleiben oder gehen sollten. Polizisten in weißen Hemden schoben sie zurück, ohne Nachdruck, als wären sie selbst nicht sicher, wovor sie die Leute schützten.
Dann roch sie es.
Es war ein Geruch nach Benzin und nach etwas darunter, schwer und süß, das sie aus Haiphong kannte, aus dem Winter 1946, und das sie seitdem nicht mehr gerochen hatte. Sie blieb stehen. Eine alte Frau neben ihr hielt sich ein Tuch vor das Gesicht und betete halblaut. Weiter vorn, auf der Kreuzung, stand ein Ring aus Mönchen in safranfarbenen Roben, Schulter an Schulter, zweihundert oder dreihundert, und in der Mitte des Rings, auf dem Asphalt, lag etwas Schwarzes, Kleines, das sie nicht als Menschen erkannte, bis sie die Form der gefalteten Beine sah.
Über den Köpfen hingen zwei Spruchbänder, eines auf Vietnamesisch, eines auf Englisch. A Buddhist priest burns himself for our five requests.
Sie fand Lộc an der Mauer der kambodschanischen Vertretung. Er stand mit dem Rücken zum Stein, den Notizblock in der Hand, und schrieb nicht. Er war ein schmaler Mann von vierunddreißig Jahren, mit einem runden Gesicht und einer Brille mit schwarzem Rand, die er beim Sprechen gern abnahm, und an diesem Morgen hatte er sie aufbehalten. Sein Hemd war nass. Als er sie sah, nickte er nur.
„Wann?“, fragte sie.
„Kurz nach halb zehn.“ Seine Stimme war gleichmäßig, als lese er ab. „Ein Auto kam, ein hellblauer Austin. Ein alter Mönch stieg aus, zwei andere stützten ihn. Sie legten ein Kissen auf die Straße. Er setzte sich darauf, mit gekreuzten Beinen. Einer der jungen Mönche goss Benzin über ihn, aus einem Kanister, den sie mitgebracht hatten. Der Alte hat ein Streichholz genommen. Er hat es selbst angezündet.“
Er hielt inne.
„Er hat sich nicht bewegt, Madame. Zehn Minuten. Er ist umgefallen, als es vorbei war, nicht vorher.“
Vernier sah zu dem Ring der Mönche. Einige von ihnen weinten, andere sahen geradeaus, und zwischen ihnen ging ein Mönch mit einem Mikrofon hin und her und wiederholte einen Satz auf Vietnamesisch, wieder und wieder, mit derselben Betonung.
„Was sagt er?“
„Ein buddhistischer Mönch verbrennt sich für die fünf Wünsche.“ Lộc nahm jetzt doch die Brille ab und rieb die Gläser an seinem Hemd, was sie nicht sauberer machte. „Auf dem Spruchband steht requests. Die Amerikaner werden Forderungen lesen. Auf Vietnamesisch heißt es nguyện vọng. Das ist etwas, das man vor einem Altar ausspricht. Ein Wunsch, eine Hoffnung. Keine Forderung.“
„Wer hat das Englische geschrieben?“
„Die Mönche. Für Sie.“ Er setzte die Brille wieder auf. „Für die Ausländer. Sie haben gestern Abend auch die Amerikaner angerufen. Es ist nur einer gekommen, der Mann von der AP. Er hat fotografiert.“ Er zeigte mit dem Kinn auf einen großen, hageren Amerikaner, der am Rand des Rings stand und in aller Ruhe einen Film in eine Dose schob. „Ich habe keine Kamera.“
Sie standen eine Weile nebeneinander. Ein Lastwagen kam, und die Mönche hoben die Gestalt vom Asphalt, in ein gelbes Tuch, und trugen sie zur Xá-Lợi-Pagode, ohne Eile, gefolgt von den anderen, die beim Gehen sangen. Die Polizisten ließen sie gehen. Einer von ihnen, ein junger Mann, hatte sich übergeben und stand jetzt abseits, die Mütze in der Hand.
„Sie hätten mich zwingen sollen“, sagte Vernier.
„Sie haben gesagt, ich soll anrufen, wenn es mehr ist als eine Prozession.“ Lộc sah sie nicht an. „Es war keine Prozession. Ich habe angerufen.“
Es war kein Vorwurf. Gerade deshalb traf es sie.
* * *
Das Büro der Agence France-Presse lag im ersten Stock eines Hauses an der Rue Catinat, über einem Geschäft für Füllfederhalter, und hatte einen Balkon, von dem aus man auf die Kathedrale sehen konnte, wenn man sich weit genug vorbeugte. Drinnen standen drei Schreibtische, zwei Fernschreiber und ein Ventilator, der bei jeder dritten Umdrehung an einer losen Schraube anschlug. An der Wand hing eine Karte von Indochina, auf der jemand mit Bleistift die Grenze zwischen Laos und Vietnam nachgezogen hatte, weil sie im Druck zu blass geraten war.
Vernier schrieb die Meldung in vierzig Minuten. Lộc saß neben ihr und übersetzte das Flugblatt, das die Mönche an der Kreuzung verteilt hatten, ein Blatt auf dünnem Papier, auf beiden Seiten bedruckt, mit dem letzten Brief des Mönchs an den Präsidenten. Er übersetzte Satz für Satz ins Französische, laut, und sie tippte mit.
„Bevor ich die Augen schließe und zu Buddha gehe“, las er, „bitte ich Präsident Ngô Đình Diệm ehrerbietig, Mitgefühl mit dem Volk zu zeigen und die Gleichheit der Religionen zu verwirklichen.“ Er hielt inne. „Das Wort ist ehrerbietig. So bittet ein Sohn den Vater.“
„Ist das wichtig?“
„In Paris nicht.“ Lộc legte das Blatt hin. „Hier schon.“
Sie schrieb ehrerbietig. Der Name des Mönchs war Thích Quảng Đức. Er war sechsundsechzig Jahre alt gewesen, aus der Provinz Khánh Hòa, und hatte, so stand es auf dem Flugblatt, seit Wochen gewusst, was er tun würde. Sie schrieb das alles auf, die Uhrzeit, das Auto, den Kanister, die zehn Minuten, die Spruchbänder in zwei Sprachen, die Polizisten, die nicht einschritten, und sie schrieb es so, wie man bei der Agentur schrieb, in kurzen Sätzen ohne Adjektive, weil die Adjektive in Paris ohnehin gestrichen wurden. Am Ende stand ein Satz, den sie dreimal umschrieb: Die Korrespondentin war Zeugin der letzten Minuten. Sie strich ihn. Sie war keine Zeugin gewesen. Sie schrieb: Ein Mitarbeiter der Agentur war Augenzeuge.
Lộc las mit, über ihre Schulter. Er sagte nichts.
Morel trug die Seiten zum Telegrafenamt hinüber, dem großen gelben Gebäude neben der Kathedrale, wo ein Beamter die Meldungen der ausländischen Agenturen entgegennahm, die Wörter zählte und eine Quittung ausstellte. Ob und wann er sie abschickte, war eine andere Frage. Seit dem Mai, seit den Schüssen in Huế, kamen manche Meldungen in Paris erst nach Stunden an, andere gar nicht, und niemand im Telegrafenamt konnte sagen, warum. Vernier hatte begonnen, wichtige Texte doppelt zu schicken, einmal über das Amt und einmal mit einem Reisenden nach Hongkong, der sie dort aufgab.
„Diesmal kommt es durch“, sagte Morel, als er zurückkam. „Der Beamte hat geweint.“
* * *
Am Abend saßen sie auf dem Balkon. Unten auf der Rue Catinat gingen die Leute spazieren, wie an jedem Abend, Paare, Studenten, Soldaten in Ausgehuniform, und vor dem Café Givral standen die Tische dicht bis an die Bordsteinkante. Es sah nicht aus wie eine Stadt, in der am Morgen ein Mensch auf einer Kreuzung verbrannt war. Vernier wusste aus Haiphong und aus Hanoi, dass Städte so waren. Sie gingen am Abend spazieren, weil sie es immer getan hatten, und die Gewohnheit war stärker als die Erinnerung.
Lộc trank Tee. Er hatte den ganzen Nachmittag gearbeitet, die Zeitungen gelesen, die Erklärungen der Regierung übersetzt, die am Nachmittag kamen und von einem „bedauerlichen Vorfall“ sprachen, und er hatte nicht einmal von dem gesprochen, was er gesehen hatte. Jetzt hielt er die Tasse in beiden Händen.
„Warum haben die Mönche Sie angerufen?“, fragte Vernier. „Nicht mich. Nicht das Büro.“
„Weil ich mit ihnen spreche.“
„Sie sind Katholik.“
„Ja.“ Er lächelte, zum ersten Mal an diesem Tag. „Das wissen sie. Ich bin aus Nam Định. Meine Familie ist seit dreihundert Jahren katholisch, so lange wie die Familie des Präsidenten. Wir sind 1954 in den Süden gekommen, wie alle, mit einem Koffer und einer Madonna. Ich gehe jeden Sonntag in die Messe.“ Er stellte die Tasse ab. „Aber ich übersetze auch für die Mönche, wenn sie einen Brief an eine ausländische Zeitung schreiben. Sie bezahlen mich nicht. Ich tue es, weil man in diesem Land nicht katholisch sein kann, ohne sich zu schämen, wenn man sieht, was die Regierung mit den Buddhisten macht.“
„Wissen das die Leute vom Palast?“
„Die Leute vom Palast wissen alles. Das ist ihr Beruf.“ Er sagte es leichthin. „Sie wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Ein Katholik, der für Buddhisten übersetzt, passt in keine Liste.“
Unten fuhr ein Jeep vorbei, langsam, mit zwei Männern in Zivil, die nach oben sahen, zu den Balkonen. Lộc sah ihnen nach, bis sie um die Ecke bogen.
„Morgen ist das Foto überall“, sagte er. „In Paris, in New York, in Tokio. Die Leute werden es ansehen und glauben, sie wüssten, was geschehen ist.“
„Wissen sie es nicht?“
„Sie werden sehen, dass ein Mann brennt. Sie werden nicht hören, was er gesagt hat. Er hat nichts gesagt. Er hat nur gesessen.“ Lộc stand auf, nahm seine Tasche und sah auf die Uhr. „Meine Frau wartet. Meine Tochter will mir zeigen, dass sie bis hundert zählen kann. Auf Französisch.“ Er zögerte an der Tür. „Madame. Ich bin froh, dass Sie nicht dort waren.“
„Warum?“
„Weil Sie es aufschreiben müssten, wie Sie es gesehen haben. Ich muss es nur übersetzen.“
Er ging die Treppe hinunter. Vernier blieb auf dem Balkon, bis die Laternen angingen. Ihre Kleider rochen noch nach der Kreuzung, obwohl sie sich am Mittag umgezogen hatte, und sie wusste, dass der Geruch nicht in den Kleidern war. Morgen würde die Welt ein Bild sehen, das sie nicht gesehen hatte, und eine Meldung lesen, die sie nicht selbst bezeugen konnte.