KEN LANDROS / VERBORGENE FRONT
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VERBORGENE FRONT · BAND 5 · KAPITEL 1

Die letzte Meldung

Die Bände folgen einer zeitlichen Reihenfolge. Einstieg: »Das andere Ufer« (Band 1).

Kapitel 1

Joshimath. Mittwoch, 22., und Donnerstag, 23. Juni 1966.

Der Lastwagen der Armee setzte Arvind Menon am Mittwochabend vor dem Tor des Stützpunkts ab, nach vierzehn Stunden auf der Straße von Rishikesh, und fuhr weiter zur Garnison, ohne dass der Fahrer sich umsah. Es regnete. Es hatte seit Devprayag geregnet, nicht stark, aber ohne Pause, und an drei Stellen hatten Männer mit Schaufeln und Körben auf der Straße gestanden und Geröll von der Fahrbahn getragen, das in der Nacht vom Hang gekommen war. Der Monsun war früh in diesem Jahr. Man sagte es im Lastwagen, wie man es jedes Jahr sagte.

Der Stützpunkt lag auf einer Terrasse über der Stadt, drei Gebäude aus Bruchstein, die einmal dem Straßenbauamt gehört hatten, ein Wellblechschuppen für die Wagen und ein Mast mit zwei Antennen, an denen das Wasser herunterlief. Am Tor saß ein alter Mann in einer Militärjacke ohne Abzeichen unter einem Vordach und schrieb Menons Namen in ein Buch, mit der Uhrzeit, in Druckbuchstaben, langsam. Bishan Singh, sagte er, als Menon fragte. Zwanzig Jahre bei den Garhwal Rifles, jetzt das hier.

Im Funkraum brannte Licht. Ravi Kapoor saß vor dem großen Gerät, mit dem Kopfhörer um den Hals, und rauchte, und als Menon hereinkam, stand er auf und umarmte ihn, kurz, mit einem Arm, wie man einen Kollegen umarmt, den man sechs Wochen nicht gesehen hat.

„Du bist schmal geworden“, sagte Menon.

„Da oben isst man Reis mit Steinen.“ Kapoor drückte die Zigarette aus. „Die Hälfte davon mit den Fingern, weil die Löffel erfrieren.“

Er war einunddreißig, zwei Jahre jünger als Menon, ein Punjabi aus einer Familie, die neunzehnhundertsiebenundvierzig mit zwei Koffern aus Lahore gekommen war, und er sprach Englisch mit dem Tonfall von Lajpat Nagar und Funkverkehr mit der Ruhe eines Mannes, der in seinem Leben noch nie eine Verbindung verloren hatte. Sie hatten zusammen die Ausbildung gemacht, in Delhi, an denselben Geräten, und Kapoor war der Bessere gewesen. Menon hatte das immer gewusst und nie etwas dagegen gehabt.

Sie redeten eine Stunde über die Suche, über das, was man darüber reden durfte, und das war wenig: über die Kälte im Basislager, über die Hubschrauber, die nur flogen, wenn die Wolken es erlaubten, über die Amerikaner, die im Lager nicht ins Funkgerät sprechen durften und deshalb jeden Satz einem Inder diktierten, der ihn dann sagte. Kapoor erzählte es mit einem Lächeln. Dann hörte er auf zu lächeln.

„Ich muss mit dir reden“, sagte er. „Morgen. Über den Bericht.“

„Welchen Bericht?“

„Den Abschlussbericht. Den du in Delhi gegengezeichnet hast.“ Kapoor sah zur Tür, die halb offen stand, und auf den Hof, wo der Regen in den Pfützen stand. „Nicht hier. Morgen früh, nach dem Tee. Ich zeige dir etwas.“

Menon war müde. Er hatte vierzehn Stunden auf einer Holzbank gesessen, und sein Rücken tat weh, und er dachte an das Feldbett im Nebenraum, das man ihm gezeigt hatte.

„Morgen nach dem Tee“, sagte er.

* * *

Er fand ihn um halb acht.

Der Regen hatte in der Nacht aufgehört, und über dem Tal lag ein dünner, weißer Dunst, aus dem die Gipfel auf der anderen Seite des Flusses herausragten, als seien sie über Nacht näher gekommen. Menon hatte gefrühstückt, allein, weil Kapoor nicht in die Küche gekommen war, und er hatte angenommen, Kapoor schlafe noch. Dann war er zum Materiallager hinübergegangen, um mit der Übergabe zu beginnen. Er sollte die Funkgeräte übernehmen, die von der Suche zurückgekommen waren, sie prüfen, zählen und für den Transport nach Delhi verzeichnen. Das war sein Auftrag. Er hatte die Listen in der Tasche.

Das Materiallager war das größte der drei Gebäude, zwei Stockwerke hoch, mit einem Tor im Erdgeschoss und einer Außentreppe aus Stein, die an der Giebelseite zur Tür des oberen Stockwerks führte, ohne Geländer, nur mit einem Eisenrohr, das man an der Wand befestigt hatte. Die Stufen waren nass und mit Moos bewachsen, wo das Wasser vom Dach lief.

Kapoor lag am Fuß der Treppe, auf der Seite, mit dem Gesicht zur Wand. Er trug dieselbe Jacke wie am Abend. Eine seiner Sandalen lag auf der dritten Stufe, die andere hatte er noch am Fuß. Unter seinem Kopf war der Stein dunkel, und das Dunkle war in die Fugen gelaufen und vom Regen der Nacht verdünnt worden, aber nicht ganz.

Menon kniete sich hin. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte. Er legte trotzdem die Finger an Kapoors Hals, wie man es im Kurs gelernt hatte, an einer Puppe, und die Haut war kalt und nass, und unter der Haut war nichts.

Er rief nach dem Pförtner. Seine Stimme klang dünn in der Morgenluft, und er rief noch einmal, lauter.

* * *

Der Arzt der Garnison kam um neun, ein Hauptmann des Sanitätsdienstes mit einem Regenmantel über der Uniform, und der Unterinspektor der Polizei kam eine halbe Stunde später, zu Fuß, mit einem Konstabler, der ein Buch unter dem Arm trug. Der Arzt kniete sich neben Kapoor, untersuchte den Kopf, drehte ihn vorsichtig, sah sich die Hände an und die Stufen und das Eisenrohr an der Wand.

„Gestürzt“, sagte er. „Von oben, auf die Kante der untersten Stufe. Schädelbruch. Er war sofort tot, oder fast.“ Er stand auf und wischte sich die Knie ab. „Die Treppe ist eine Falle. Ich habe es eurem Major im Mai gesagt. Bei Regen geht man da nicht hinauf.“

„Wann?“, fragte der Unterinspektor.

„Vor drei, vier Stunden. Vielleicht fünf. Er ist kalt, aber es war eine kalte Nacht.“

Der Unterinspektor schrieb. Er fragte, wer der Tote sei, und der Oberschreiber des Stützpunkts, ein Garhwali namens Negi, der mit dem Schlüsselbund aus dem Büro gekommen war, sagte es ihm: Funktechniker, Delhi, dienstlich hier, seit dem zwanzigsten. Er fragte, was der Tote im Lager gewollt habe, früh am Morgen, und Negi sagte, das wisse er nicht. Vielleicht ein Gerät holen. Die Techniker gingen ein und aus.

„Und Ihr Major?“

„Suri Sahib ist nach Delhi gefahren“, sagte Negi. „Gestern Abend. Dienstlich.“

Menon stand neben dem Tor des Lagers und hörte zu. Er sah, dass Bishan Singh unter seinem Vordach saß, mit dem Buch auf den Knien, und zu ihnen herübersah, und dass er den Mund aufmachte, als Negi das sagte, und ihn wieder zumachte.

Der Unterinspektor fragte, wer den Toten gefunden habe. Menon sagte es. Er sagte, er habe Kapoor am Abend zuletzt gesehen, um zehn, im Funkraum. Er sagte nicht, worüber sie gesprochen hatten. Er wusste nicht, warum er es nicht sagte. Vielleicht, weil der Unterinspektor nicht danach fragte. Vielleicht, weil er nicht wusste, was Kapoor ihm hatte zeigen wollen, und weil man einem Polizisten keinen Satz gibt, den man selbst nicht versteht.

Er unterschrieb als Zeuge, im Buch des Konstablers, unter einer Zeile in Hindi, die er mühsam las. Tod durch Sturz von der Außentreppe des Materiallagers bei Nässe. Kein Fremdverschulden ersichtlich.

* * *

Am Nachmittag kam über Funk die Anweisung aus Delhi. Negi brachte sie in den Funkraum, auf einem Durchschlag, und legte sie vor Menon hin, als sei Menon jetzt der Zuständige, weil sonst niemand da war, der es sein wollte. Die Leiche sei am nächsten Morgen am Fluss einzuäschern, nach den Gebräuchen. Die Familie werde benachrichtigt. Ein Transport nach Delhi sei bei der Straßenlage nicht möglich. Die persönlichen Sachen seien zu verzeichnen und mit dem nächsten Kurier nach Delhi zu schicken.

„Seine Frau wird nicht hier sein“, sagte Menon.

„Die Straße“, sagte Negi und hob die Hände. „Und bei dieser Wärme, Sahib.“

Es war nicht warm. Aber Menon wusste, was Negi meinte, und er wusste, dass es stimmte, und er sagte nichts mehr.

Er verzeichnete die Sachen selbst. Er tat es im Schlafraum, auf Kapoors Feldbett, mit dem Bleistift auf einem Formular, weil er nicht wollte, dass Negi es tat. Eine Reisetasche aus Segeltuch. Zwei Hemden, eine Hose, ein Schal, den Leela gestrickt hatte; Kapoor hatte ihn am Abend getragen und darüber gelacht, dass er für den Himalaya zu dünn sei. Ein Rasierzeug. Ein Kamm. Eine Armbanduhr, die noch ging. Ein Foto von Leela und dem Mädchen, im Studio aufgenommen, mit einem gemalten Garten im Hintergrund. Ein Taschenbuch, ein englischer Kriminalroman, mit einem Busfahrschein als Lesezeichen. Ein Füllhalter. Achtundvierzig Rupien in Scheinen und Münzen.

Er schrieb jedes Stück auf. Als er fertig war, sah er auf die Liste und hatte das Gefühl, dass etwas fehlte, und er wusste nicht, was.

* * *

Am Abend begann er mit der Übergabe, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Negi gab ihm den Schlüssel zum Lager, und er ging hinein, durch das Tor im Erdgeschoss, nicht über die Treppe, und machte das Licht an.

Die Funkgeräte standen auf Regalen an der hinteren Wand, sechs tragbare Geräte in grünen Kästen, zwei größere, die man auf einem Wagen betrieb, und dazwischen die Kisten mit Zubehör, Antennen, Batterien, Kopfhörern. Jedes Gerät hatte einen Anhänger aus Pappe mit der Nummer und dem Posten, an dem es gestanden hatte. Basislager. Relais I. Relais II, oberhalb Lata. Straßenposten Dhauli. Menon hatte die Anhänger im April selbst beschriftet, in Delhi, bevor die Geräte hinaufgegangen waren. Er hatte auch die Quarze eingesetzt, die Kristalle, die einem Gerät seine Frequenzen gaben, für jeden Posten die seinen, damit nicht zwei Posten einander ins Wort fielen. Er wusste, welches Gerät auf welchem Kanal sprechen konnte. Es war seine Arbeit gewesen.

Er hatte die Mappe mit dem technischen Anhang des Abschlussberichts dabei, den Durchschlag, den man ihm in Delhi zur Gegenzeichnung vorgelegt hatte, am Dienstag, zwischen zwei anderen Vorgängen. Er schlug sie auf, um die Gerätenummern zu vergleichen. Dann blieb er bei der letzten Seite hängen.

Letzte Funkmeldung R. Kapoor, 19. Juni, 16.30 Uhr, von Posten Relais II, oberhalb Lata, Kanal drei: Träger L. schwer verletzt nach Sturz, Abtransport erforderlich. Straße ab ca. 16.00 Uhr durch Hangrutsch gesperrt. Transport nicht möglich.

Darunter seine eigene Unterschrift, mit Datum, in blauer Tinte. Technisch geprüft. A. Menon.

Er sah lange auf die Zeile. Dann ging er zum Regal und nahm den Anhänger des Geräts von Relais II in die Hand und las die Nummer, und er wusste es, bevor er den Deckel aufschraubte und nachsah. Relais II hatte die Quarze für Kanal fünf und sechs bekommen. Kanal drei war der Kanal des Straßenpostens im Dhauli-Tal, unten, an der Straße, wo die Wagen hinkamen.

Von Relais II aus konnte niemand auf Kanal drei sprechen. Nicht um halb fünf und zu keiner anderen Zeit.

Menon schraubte den Deckel wieder zu. Er stellte das Gerät zurück auf das Regal, genau an seinen Platz, mit dem Anhänger nach vorn. Draußen hatte es wieder zu regnen begonnen, und er hörte das Wasser von der Außentreppe auf die unterste Stufe laufen.

Er hatte am Dienstag in Delhi technisch geprüft unter eine Zeile geschrieben, die er nicht geprüft hatte. Kapoor hatte es gesehen. Kapoor hatte ihm etwas zeigen wollen, morgen nach dem Tee.

Ende der Leseprobe.

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